Carina Bischof geht ihren Kunden förmlich an den Kragen – rein beruflich. Mit ihrem eigenen Label aluc und ihren Mitstreitern Arianna Nicoletti, Luise Barsch und Jonathan Leupert arbeitet sie seit mehreren Jahren in einem modischen Nischen-Segment: Upcycling – die Verwertung bzw. Aufwertung von vermeintlich nutzlosen Materialien. Was alles aus dem so genannte Pre-Consumer-Waste entstehen kann, habt ihr sicherlich schon gelesen – jetzt wollen wir Carina noch einmal etwas ausführlicher zu Wort kommen lassen.

Welche  Idee steht hinter eurem Label aluc?
Die Idee für aluc entstand in London, als Arianna, Luise und ich bei FROM SOMEWHERE arbeiteten. Die Gründer Orsola de Castro und Filippo Ricci sind auch gleichzeitig Kuratoren der ESTHETICA. Die Arbeit bei ihnen war sehr abwechslungsreich und bereichernd, da sie wie eine Schnittstelle für innovative, nachhaltige Mode sind.

FROM SOMEWHERE denkt nicht in herkömmlichen Strukturen, sie überdenken die Modewelt und deren Überfluss. Die Londoner Eco Fashion Szene ist sehr fortschrittlich. Die britischen Labels wie FROM SOMEWHERE, Goodone und Junky Styling verstehen es perfekt, Style mit nachhaltigem Bewusstsein zu verbinden. Es war eine sehr inspirierend Zeit, aber nach zwei Jahren wollte ich gern etwas Eigenes aufbauen.

Neben uns drei Designern holten wir noch Jonathan mit ins Boot, der uns den nötigen wirtschaftlichen Input gibt. Da bei den meisten Eco Fashion Labels eher Frauenmode im Vordergrund steht, wollten wir etwas für Herren kreieren, denn: Ein Männerhemd sollte in keinem Kleiderschrank fehlen. Außerdem wollten wir ein veränderbares Kleidungsstück schaffen, damit der Kunde variieren kann. Daraus ist dann unser aluc-Hemd entstanden, mit abnehmbaren Kragen. So hat man in einem Kleidungsstück zwei Styles (einmal mit Stehkragen und mit normalen Kragen).

Neben dem Designaspekt hat der Kragen auch einen funktionalen Pluspunkt, denn meist verschleißt diese Stelle am Männerhemd zuerst. Man kann ihn also einfach austauschen und einen neuen anknöpfen.

Wieso hat es euch mit eurem Upcycling Fashion Store dann nach Berlin verschlagen?
Als wir in London waren, haben alle nach Berlin geschaut. Es war und  ist  weiterhin “The Place to go”. Wir hatten einfach das Gefühl: Wenn wir etwas Eigenes aufbauen wollen, dann ist jetzt gerade der richtige Zeitpunkt. Für unseren Laden ist Berlin zudem ein idealer Standort. Bisher gibt es noch keinen weiteren Laden, der sich ausschließlich mit Upcycling Fashion beschäftigt. Das Schöne ist: die Leute sind aufgeschlossen, Fragen nach und kommen wieder!

Was ist das Besondere an der Verwendung eurer Materialien?
Wir verwenden nur Stoffe, die bei der Herstellung abfallen. Dies ist der sogenannte “Pre-Consumer-Waste”, also der Müll, den der Endverbraucher nie zu Gesicht bekommt. Es können Farbproben sein für Musterkataloge, ausrangierte Ware, oder Reststücke, die nicht mehr für eine große Firma interessant sind, aber sich für unsere Kleinserien perfekt eignen.

Neben aluc und eurem Laden habt ihr noch einen Blog und einen neuen Mode-Stammtisch in Berlin 
Mit dem Upcycling Fashion Blog wollen wir alle ansprechen, die sich noch nicht so richtig etwas unter dem Begriff  “Upcycling” vorstellen können. Etwa Leute, die sich für Nachhaltigkeit interessieren, aber eventuell nicht wissen wo und wie sie sich am besten kleiden sollen.

Die eigentliche Grundidee des Stammtisches kommt aus Hamburg und wird dort unter dem Namen „Strich & Faden“ seit 6 Jahren durchgeführt. Wir in Berlin sind eine kleine Zweigstelle die sich hoffentlich genauso positiv entwickelt wie in der Hansestadt. Bisher hatten wir zwei Treffen, jeweils am ersten Dienstag im Monat mit ganz unterschiedlichen Menschen: Bloggern, Designern, BWLern, Fotografen und vielen weiteren Modeschaffenden.

Wir planen für die nächsten Treffen spezielle Themen wie lokale Produktion, Modeblogs, Modefotografie und werden diese Programmpunkte dann auch vorher online setzen, damit man sehen kann, über welche Themen wir uns genau unterhalten. Wir möchten untereinander verbinden und Netzwerke schaffen.

Ein Blick in die Zukunft – was wird bei euch passieren?
Für aluc wollen wir noch in diesem Jahr ein paar neue Styles einführen und die produzierte Menge deutlich erhöhen. Dies ist nicht so einfach, weil wir unseren Fokus auf eine lokale Produktion legen und es immer schwerer wird, lokale Werkstätten zu finden, welche unseren Maßstäben entsprechen.

Der Upcycling Fashion Store bereitet sich auf die Verlängerung vor. Aus dem anfänglichen Pop-Up-Store wurde ein kontinuierlicher Laden. Ab März werden jeden Monat ein oder zwei neue Upcycling Designer präsentiert. Im April wird zum Beispiel die Kinderkollektion von „Pamoyo“ und „Frau Schröder“ mit in das Sortiment aufgenommen.

Wann wird “grüne Mode” nur noch Mode sein und ohne die Verkaufsargumente “öko” und “fair” auskommen? Welche Tendenzen erkennst du?
Oh, eine schwierige Frage. Zurzeit ist ein Trend in die richtige Richtung zu erkennen. Vergleichbar mit den Bio-Produkten im Supermarkt werden mehr und mehr grüne Produkte in der Bekleidungsindustrie angeboten. Dies ist grundsätzlich großartig, jedoch sollte man es nicht mit “Greenwashing” verwechseln.

Es wird sich erst wirklich etwas ändern, sobald die Politik mitspielt. „Öko“ und „fair“ sollten eine Selbstverständlichkeit sein und zu den Grundprinzipien jedes Unternehmens gehören. Es sollte mit Vergünstigungen und Subventionen vom Staat unterstützt werden. Umgekehrt sollte gelten, dass Unternehmen, die weiterhin unter menschenunwürdigen Bedingungen und ohne Rücksicht auf die Umwelt, produzieren, Strafen zahlen müssten. Aber das ist leider noch Zukunftsmusik.

Durch unseren eigenen Laden stehen wir in direktem Kontakt mit unseren Kunden und es eine klare Tendenz zu bewussterem Einkaufen zu erkennen. Es wird mehr gefragt nach der Entstehungsgeschichte und wir versuchen dem Konsumenten zu verdeutlichen, wie wichtig ihre Kaufentscheidung ist und das sie damit Zeichen setzen können.

Wer ist dein Lieblingsdesigner, der nicht zwangsläufig auch “grün” sein muss?
Hussein Chalayan und Yohji Yamamoto. An beiden mag ich das Experimentelle in ihrem Design und die unkonventionellen Modenschauen, die oft mehr einer Performance gleichen als einem Catwalk.

Fotos: Marc Huth & Björn Lexius // Upcycling Fashion Store