Es ist schon eine Weile her, dass Thomas Melles Roman „Sickster“ erschienen ist und einige werden ihn vielleicht schon kennen, trotzdem schrei ich es an dieser Stelle gerne nochmals in die Welt: Sickster lesen!

Thomas Kühnemund und Thorsten Taue, die Protagonisten der Erzählung, sind zwei sehr unterschiedliche Typen, aus vollkommen verschiedenen Milieus. Der eine ein Manager, gutaussehend und erfolgreich, der seine „qualitiy time“ mit schnellem Sex und Alkoholexzessen ausfüllt und trotzdem leer bleibt. Der andere ein selbsternannter Aufklärer, der in jeder Zeile gegen die Heucheleien und Lügen der Konsumwelt wettert, sich als Auftragstexter verdingt und mit den eigenen Träumen und Wünschen gescheitert ist. Beide treffen im Glaspalast eines Ölkonzerns berufsbedingt aufeinander und wollen eigentlich nur raus aus den Hochglanzoberflächen: Der eine mit Idealismus, der andere mit Betäubung. Thorsten findet im Laufe der Erzählung Gefallen an Thomas Freundin Laura, einer psychisch labilen Frau, die das Ensemble der „Sicksters“ kompletiert und unterstreicht, woran alle Figuren im Roman leiden: An der Kultur der Anpassung und der Gleichgültigkeit. Man wird das Gefühl nicht los, das alle an dieselbe große Maschine angezapft sind, auf der Suche nach authentischen Beziehungen und Gefühlen, während die Maschine unablässig jedes Gefühl und jede Echtheit aus ihnen herauspumpt.

Was sich vom Titel und vom Lesen der ersten Seiten so anhört, als wäre hier ein weiterer Pop-Autor in Sachen jugendlich urbaner Leere, Hedonismuskritik und coolen oder weniger coolen kulturellen Chiffren unterwegs, enthüllt sich mit der Zeit als empfindsame Auseinandersetzung mit der Kultur der Leistungsgesellschaft. Dass hinter den kalten Fassaden der Konsumtempel nichts als Hoffnungslosigkeit wütet und jedes andere Gefühl auffrisst, ist keine neue Diagnose, doch zwischen Thomas Melles Zeilen liegt ein Empfinden verborgen, das mehr als nur Lust oder Unlust verspürt, sondern deren gegenseitiger Durchdringung bis in die kleinsten Verästelungen des Lebens nachspürt. Voller Widersprüche, Brüche und Umwege. Und das in einer sprachlichen Kreativität und Bildlichkeit, dass jeder Satz vor einem auf dem Papier beim Lesen zu glühen beginnt.

Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, lebt in Berlin. Er studierte Komparatisktik und Philosophie und schrieb bisher vor allem fürs Theater. Mit Stücken wie „Haus zur Sonne“ (2006) oder „Das Herz ist ein lausiger Stricher“ (2010) errang sich Melle den Ruf als wichtiger, deutscher Nachwuchsautor. „Sickster“ ist sein Romandebüt und erschien im Rowohlt Verlag Berlin. Thomas Melle wird am 12. Mai 2012 aus seinem Roman im Max und Moritz in Berlin lesen, im Zuge der langen Buchnacht.

Sickster von Thomas Melle, Rowohlt Verlag, 336 Seiten, Deutsch, September 2011, für 19,90 Euro

 

Fotos: Rowohlt // Karsten Thielker