Inside Out ist eine dokumentarische Verbeugung vor dem niederländischen Fotografen und Filmemacher Anton Corbijn. Die Regisseurin Klaartje Quirijns begleitet einen der einflussreichsten Portrait-Fotografen der letzten Jahrzehnte und gibt in ihrem Film Einblicke in Corbijns Denk- und Arbeitsweise. „Anton Corbijn Inside Out“ startete am 19. April 2012 offiziell im Kino.

Anton Corbijn wurde für vor allem für seine Fotos von Popkünstlern wie David Bowie, U2, Rolling Stones, Björk oder Joy Division bekannt. Er drehte zahlreiche Musikvideos für Depeche Mode, Nick Cave oder Nirvana und wird seit „Control“, der dem schwermütigen Joy Division Sänger Ian Curtis ein filmisches Denkmal setzt, auch als stilsicherer Regisseur gefeiert. Derzeit läuft in Berlin die Ausstellung „Inwards and Onwards”, in der Galerie Camera Work in der Kantstraße 149, vom 21. April bis 2. Juni 2012.

Dass Corbijn in seinen Arbeiten stets Musik und Fotografie verbindet, trifft die Sache wohl nicht annähernd auf den Punkt. Mit seinen Arbeiten war Corbijn maßgeblich an der gegenseitigen Durchdringung dieser beiden Sphären beteiligt. Wenn man noch einen Schritt weiter gehen will, dann ist die Art und Weise, wie das Hören und das Sehen überhaupt im Popkontext zusammenwirken von Corbijn grundlegend beeinflusst worden. Man liest in jedem zweiten Ausstellungskatalog, dass dieser oder jener Künstler den Blick auf die Wirklichkeit  entscheidend verändert habe, bei wenigen trifft diese Aussage so genau zu wie bei Anton Corbijn. Er hat Persönlichkeiten für uns auf seine Art sichtbar gemacht hat. Eine Sicht, die sich nicht mehr abstreifen lässt.  Wie sehen wir einen Künstler, wie sehen wir seine Person, wie „sehen“ wir seine Musik, welches Image produzieren Bilder? Bei solchen Fragen kommt man an Anton Corbijn nicht vorbei. (Dass er auch andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens abgelichtet hat, lassen wir hier mal außen vor.)

Die Grenze zwischen der eigenen Sicht und der äußeren Wirklichkeit, zwischen Stille und Lärm, zwischen Innen und Außen ist der Motor von Corbijns Schaffen, kommt in diesem Film wunderschön zum Ausdruck und wird vom Stil in Bild und Ton selbst nochmal unterstrichen. „Inside Out“ zeigt den Fotografen, den „Königmacher der Stars“, zwischen zwei Welten. In Gedanken versunken auf der Couch, in der spröden Stille der niederländischen Einöde oder wie ein verlassenes Geschöpf im Hotelzimmer. Dann wieder bei Shootings, im Gewühl der Dreharbeiten und Filmgalas. Zwischendurch melden sich immer wieder Freunde und Künstler zu Wort, mit denen Corbijn gearbeitet hat.

Dass Privatheit im Getriebe des Popapparates lediglich zerrieben, zur Schau gestellt und „verkauft“ wird, wäre eine irreführende Diagnose. Eher geht es Corbijns Arbeiten und auch dem filmischen Portrait darum, die Widersprüchlichkeit dieser Welten nicht abzustreiten und sie auch nicht moralisch aufzuladen, sondern um den Erhalt einer verwundbaren Intimität des Künstlers, möglicherweise auch gerade darum, eine Distanz zwischen privat und öffentlich zu unterstreichen. Und das mit einer Technologie, die diese Trennung von Innen und Außen schon immer mitführt.

Dass dies auch immer eine Entscheidungsfrage ist, beweist Corbijn selbst, indem er seit Jahren das Blitzlichtgewitter der Kameras scheut und den Medien aus dem Weg geht, sich lieber auf der anderen Seite der Kamera aufhält. Umso schöner ist es, Corbijn privat zu sehen, wie er über seine Arbeit und seine Ängste reflektiert, ohne das Gefühl zu bekommen, er werde von der Kamera zu irgendeiner Preisgabe gezwungen. Die Passagen, in denen Corbijn über seine Arbeit spricht, sind wunderbar. „Ich neige dazu, Probleme alleine anzugehen“, sagt Corbijn am Schluss, kurz bevor die diskrete Kamera den scheuen Holländer wieder verlässt und man das Gefühl bekommt, die Bilder über ihn selbst wirken genau im Moment ihrer Aufnahme auf ihn zurück.

Fotos: Anton Corbijn // Inside Out