Tomboy Film Celine Sciamma Poster 1 290x174 Tomboy: Ein Film über ein Mädchen, das eigentlich lieber ein Junge sein wollteTomboy Film Celine Sciamma Poster 2 290x174 Tomboy: Ein Film über ein Mädchen, das eigentlich lieber ein Junge sein wollte„Tomboys sind Mädchen oder Frauen, die sowohl durch ihr Äusseres als auch durch ein geschlechteruntypisches Verhalten als Jungen oder Männer wahrgenommen werden“ lese ich und bin schon mittendrin im Minenfeld der Geschlechter. Geschlechtertypisches Verhalten? Was heißt das genau? Und von wem und wo wird es wahrgenommen, erwartet und eingefordert? Mit dem Geschlecht ist es ja so: Sobald man die Unterscheidung bemüht, betritt man ein kompliziertes, verworrenes und riskantes Feld. Oft geht es um die Frage, warum sie eigentlich immer noch eine Rolle spielt, obwohl sie doch eigentlich gar keine Rolle spielt. Eine banale Antwort wäre: weil sie so schön „sichtbar“ ist. Die Unterscheidung Mann/Frau ist einfach zu „sichtbar“, als dass Menschen nicht auf die (manchmal dumme) Idee kommen würden, Meinungen und Wertungen daran anzuschließen. Der Film „Tomboy“ verlässt dieses Minenfeld kurzerhand und stellt eine einfache Frage: Was passiert, wenn der Blick daneben liegt?

Das 10-jährige Mädchen Laure (Zoé Héran) sieht auf den ersten Blick aus wie ein Junge: Bubengesicht, kurze Haare, schlacksige Arme. Und dieses Aussehen kommt ihrer Experimentierfreude zugute. Nach dem Umzug in eine neue Wohngegend macht sie den anderen Kindern etwas vor: Sie tritt als Junge auf, nennt sich kurzerhand „Michael“ und verheimlicht ihr „wahres“ Geschlecht. Die liebevoll und warmherzig gezeigten Eltern wissen nichts von dem Rollenspiel, lediglich die kleine Schwester (Malonn Lévana) wird eingeweiht. Die Kids im Viertel schöpfen keinen Verdacht, dazu besteht auch kein Grund: Das knabenhafte Mädchen rennt, bolzt, kickt, schubst und rauft sich durch den Film und gewinnt damit alle Sympathien. Schnell hat sie/er neue Freunde. Als Lisa (Jeanne Disson), ein Mädchen aus der Nachbarschaft, sich in Michael verliebt, wird das Rollenspiel etwas problematischer. Und auch die Schule, in der Michael wohl wieder als Laure hinterm Pult Platz nehmen muss, rückt immer näher.

Tomboy Film Celine Sciamma Scene 1 186x106 Tomboy: Ein Film über ein Mädchen, das eigentlich lieber ein Junge sein wollteTomboy Film Celine Sciamma Scene 2 186x106 Tomboy: Ein Film über ein Mädchen, das eigentlich lieber ein Junge sein wollteTomboy Film Celine Sciamma Scene 6 186x106 Tomboy: Ein Film über ein Mädchen, das eigentlich lieber ein Junge sein wollteTomboy Film Celine Sciamma Scene 4 186x106 Tomboy: Ein Film über ein Mädchen, das eigentlich lieber ein Junge sein wollteTomboy Film Celine Sciamma Scene 5 186x106 Tomboy: Ein Film über ein Mädchen, das eigentlich lieber ein Junge sein wollteTomboy Film Celine Sciamma Scene 3 186x106 Tomboy: Ein Film über ein Mädchen, das eigentlich lieber ein Junge sein wollteMit Tomboy zeigt die Französin Céline Sciamma einen wunderbar leichten und sehr gelungenen Film über die Zeit des Heranwachsens, über das Experimentieren mit Geschlechterrollen, über Identitätssuche und über soziale Erwartungen. Und das in so stimmungsvollen, visuell reduzierten und schwerelosen Inszenierungen, dass man ganz vergisst, was die Regisseurin da so leichtfüßig und ohne ideologische Konnotationen verhandelt: Dass Geschlecht sozial zugerechnet und in sozialen Kontexten erst hergestellt wird.
Céline Sciamma, geboren 1980, schilderte in ihrem ersten Spielfilm „Water Lilies” Tomboy: Ein Film über ein Mädchen, das eigentlich lieber ein Junge sein wollte aus dem Jahr 2007 die ersten zaghaften Versuche junger Mädchen, die Liebe für sich zu entdecken. Ihr zweiter Film „Tomboy“ war Eröffnungsfilm der Berlinale-Sektion Panorama 2011 und gewann prompt den Teddy Jury Award. Weitere Festivalpreise gab es später in Turin, Philadelphia und San Francisco. Jetzt läuft er endlich hierzulande in den Kinos.

Einen Wehrmutstropfen zum Schluss muss es leider auch geben: Das Tomboy-Phänomen wird im Film als bloße Spielerei abgetan (was es bestimmt oft ist), nicht als Ausdruck ernstzunehmender, langsam aufkeimender Bedürfnisse verhandelt (was auch möglich wäre). Am Ende wird die transsexuell veranlagte Laure wieder in ihr altes Mädchenkorsett gezwungen, hauptsächlich von ihren „einfühlsamen“ Eltern, die damit doch eine (pädagogisch zweifelhafte) Wertung abgeben: Irgendwann muss mal Schluss sein mit der Spielerei! Tomboy läuft ab dem 3. Mai 2012 in den deutschen Kinos.

Fotos: Pyramide Distribution