


Wir erinnern uns: Ryan Gosling’s Handschuhe massieren das Leder des Steuers, der in Gold gestickte Skorpion seiner Sportjacke klebt im Sessel, der Fluchtwagen rast präzise und unaufgeregt durch die Straßen. Rast durch die dunkle Stadt, die durch die Schwärze der Nacht beides ist: Versteck und offenes Terrain. Keine Hektik, keine schnellen Schnitte, dafür sachliche Präzision. Dazu läuft ein pulsierend-minimalistischer Sound, zwischen nüchternem Tempo und geladener Atmosphäre, schwillt an und bremst wieder ab, wie der Fluchtwagen selbst. Noch nie wurde man schneller in einen Film gesogen als über die nervenzerreissende Verfolgungsjagd zu Beginn des Thrillers Drive. Was nicht zulezt am atmosphärischen Sound der aus Portland, Oregon stammenden Band „Chromatics“ liegt. Deren Stück „Tick of the Clock“ ist so präzise auf den Punkt gesetzt und treibend wie der Film selbst, mehr ein audio-visueller Strom als ein konventionelles, dramaturgisches Werk. Eine perfekte Symbiose aus Bild und Ton entsteht.
Nun haben die „Chromatics“ ihren neuen Longplayer mit dem Namen „Kill for Love“ auf dem in New Jersey angesiedelten Label „Italians do it better“ veröffentlicht, ein kleines aber feines Indie-Label, das unter anderen von dem Chromatics-Mitglied Johnny Jewel gegründet wurde. 17 Stücke umfasst das neue Werk, mehr als heutzutage üblich. Und „Kill for Love“ ist ein sattes Packet discolastiger Popmusik und ein würdiger Nachfolger des Albums „Night Drive“ aus dem Jahr 2007, von dem auch das eingangs erwähnte Stück Tick of the Clock stammt. Auf Soundcloud steht „Night Drive“ übrigens kostenlos als Download bereit. Manchen dürfte vielleicht das Stück „In the City“ von der gleichnamigen EP bekannt sein, das von Dixon einen großartigen Remix erhalten hat und ein Popjuwel unter den letztjährigen House-Veröffentlichungen darstellt.
Die Musik von Chromatics ist mehr als Synthie-Pop oder Disco, das natürlich auch, zumal discolastige Poparrangements auf dem neuen Album überwiegen. Aber die Musik hat diese unnnachahmlichen, warmen Oberflächen, die entstehen, wenn eine Instrumental-Band elektronische Musik macht, dies unglaublich gut kann, dabei aber nicht das Können in den Vordergrund rückt, sondern alles einer bestimmten, homogenen Soundatmosphäre unterordnet. Deswegen ist die Gitarre mal Popmelodie, mal eine abgedämpfte Rythmusmaschine, die Beats mal House mal das Gerüst von Dream Pop, der Gesang mal hingehaucht, mal neblig durch den Vocoder geschickt. Es geht nicht um Können, um Technik oder um Genre-Strukturen, sondern immer darum, diese in den Dienst eines bestimmten Gefühls zu stellen. Deswegen lassen sich die Chromatics eigentlich auch nur gut im gesamten Album hören. Nur so lässt sich zwischen dem Popsong und dem Ambientstück der gemeinsame Fluchtpunkt spüren: Ein Gefühl der Düsternis, auf den jeder Ton zugerichtet ist. Ein Gefühl, das Wellen von Melancholie durch die Brust rollen lässt und trotzdem diese Prise Hoffnung und träumerischer Romantik besitzt. (Was den Chromatics eine Affinität zu Filmsoundtracks und die paradoxe Bezeichnung „Dark Disco“ eingebracht hat.)
Wenn die Nächte wieder wärmer werden, ein Wind in den Blättern herumspielt und die Straßen wie leergefegt sind, dann schwingt euch auf’s Fahrrad, hört Chromatics und rollt auf der Mitte der Fahrbahn dahin. Irgendwohin. Es passiert was.
Fotos: Chromatics






