Eine spätsommerliche Hass Liebe: Das Berlin Festival 2012 auf dem Flughafen Tempelhof

Für einen in der Hauptstadt ansässigen Festivalgänger, der Musik auf Bühnen schätzt, aber die animalisch getränkte Atmosphäre eines Festivals nicht besonders prickelnd findet, ist das Berlin Festival natürlich eine feine Sache: Keine demütig dahinkriechenden Autoschlangen, keine lästigen Supermarktplünderein, keine Tiergehegendynamik, kein Versinken in Schmutz und Erde, keine unmenschlich peinigende Dixiehölle. Stattdessen die monumentale Ellipse des Flughafens Tempelhof: fester Boden, feste Toiletten, wohltuende Infrastruktur. Unter der Stahlkonstruktion des Hallenbogens wummern die Bässe. Auf der anderen Seite schweift der Blick über die Betonwüste der Landebahnen. Ein atmendes, befreiendes Loch, das die Stadt aufreißt. Seitlich ragt der weiße Playmobil-Radarturm in die Höhe.

Endlich ein Festival in der Hauptstadt, mit der (immer noch) zeitgemäßen Mischung aus Indie und Electro, in beeindruckender Location. Vor den Augen findet die urbane Popwirklichkeit statt. Man ist dabei. Und am Ende des Tages rast man durch die Erde zum Club, oder nach Hause, stellt sich ganz ohne Anstehen unter die Dusche und kuschelt sich in die Stille des eigenen Betts, ohne dieser johlenden Gruppe Untoter nebenan, ganz ohne diesen seltsamen, klammen Zeltgeruch. Eigentlich alles wunderbar. Nur, warum war ich letztes Jahr nicht da? Natürlich, weil ich das Jahr zuvor da war.

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Dann höre ich dieser Tage von der „weltweit größten Silent-Aftershow-Party“ (die Freakshow mit Kopfhörern), dem Künstlerareal „Art Village“, das so offen, weil konzeptlos ist, und davon, die „Clubszene Berlins in das Festival zu integrieren“, als wäre das möglich oder nötig. Und als wären die Djs nicht allein den Auflagen der Behörden wegen in die Clubs zurückgesperrt. Dann auch noch Acts, die, gelinde gesagt, wenig Reizvermögen, dafür steigende Besucherzahlen ausstrahlen: The Killers, Bonaparte, Digitalism, Paul Kalkbrenner. Ich werde das Gefühl nicht los, das Berlin Festival ruht sich einfach auf dem Mythos Berlin aus, allein der Trailer spricht Bände. Keine eigenen Ideen, keine musikalischen Experimente, kein Risiko. Und eigentlich fühlt man sich bestätigt, nicht mehr hinzugehen. Eigentlich.

Und dann kommt man doch ins Grübeln, wenn man sich einige Acts des bisher bestätigten Line-Ups anschaut. Major Lazor, Little Dragon, Grimes, SBTRKT, Totally Enormous Extinct Dinausors, Metronomy, I Heart Sharks oder Orbital, um nur einige zu nennen. Und natürlich Sigur Rós, die in Berlin ihren einzigen Deutschlandauftritt in diesem Jahr absolvieren und wohl ihre neue Platte Valtari Eine spätsommerliche Hass Liebe: Das Berlin Festival 2012 auf dem Flughafen Tempelhof vorstellen werden. Darf man eigentlich nicht verpassen, noch dazu im architektonischen Monstrum des Flughafens, das kann schon was.
Das Berlin Festival 2012 findet am 7. und 8. September 2012 statt, Tickets gibt es bereits im Vorverkauf. Das 2 Tages-Ticket gibt es für etwa 85 Euro, das Kombiticket (mit Zugang zu dem im Arena stattfindenden Club-Programm) für knappe 100 Euro. Ein begrenztes Kontingent an Tageskarten (ca. 50 Euro) ist ebenfalls vorhanden.

Also werde ich diesen Herbst wohl doch wieder hingehen, (andere Festivals sind sowieso viel zu anstrengend) werde im Gelände Tempelhof herumirren, eingeklemmt zwischen der grotesken Mischung aus Nazibau, Light-Show und schönen aber trägen Club-Menschen. Ich werde den Auftritt von Tocotronic lieben, ohne es jedoch zu sehr zuzugeben. Und The Killers kann man sich ja vielleicht doch anschauen, von hinten, hab die noch nie live gesehen. Das Berlin Festival ist vielleicht nicht das beste Festival, aber das beste, das wir haben.

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