Beim ersten Hören des Stückes „Myth“ ist bereits alles da, alles angelegt, alle Fragen sind geklärt. Man hört ein wunderbares Lied des Indiepop-Duos Beach House und hat das Gefühl, es schon lange zu kennen. Das unverkennbar Zähflüssige und Hypnotische, für das an erster Stelle der Gesang von Victoria Legrand steht, entfaltet sich schon nach ein paar Takten und wird auch bis zum Schluss den neuen Albums „Bloom“ nicht losgelassen. Das ist für die meisten wohl eine gute Nachricht: Jedes Stück des neuen Albums könnte auch auf dem Vorgänger „Teen Dream“ erschienen sein. Dieselbe melancholische Mischung aus Orgel- und Keyboardteppichen, die von vergangenen Zeiten, verlorenen Liebschaften, von Nostalgie und fernen Landschaften erzählt.

Beach House sind Victoria Legrand am Gesang und Alex Scally an der Gitarre, aus Baltimore, haben bereits einige Platten veröffentlicht (Beach House 2006 und Devotion 2008), sind aber vor allem durch ihre letzte Platte „Teen Dream“ zum Indieliebling avanciert, der regelmäßig in ausverkauften Häusern spielt. (So auch am 27. Mai 2012 in der Berliner Volksbühne) Ihr neues Album „Bloom“ ist wie der Vorgänger auf dem Indielabel Sub Pop erschienen.

Beach House wird wohl dem Genre des Dream Pop zugerechnet. Ihre Musik lebt mehr von stimmungsvollen, romantischen Texturen als von Rhythmus und Hooklines. Eingebettet in übersichtliche, aufblühende Strukturen und einem dominanten Gesang ergibt das diesen unverchselbaren Charme der Musik von Beach House. Pop also. Aber nicht ganz. Was den Dream Pop von Beach House (und anderen Vertretern wie: Mazzy Star oder The Flaming Lips) von anderen Popvarianten unterscheidet, ist nicht nur eine besonders romantische Art, mit Melodien umzugehen, ein zarter Gesang, ein träges Tempo und wolkige Soundteppiche. Es ist auch das instrumentell Unperfekte, das Unvollkommene, das Dream Pop vom Mainstream unterscheidet. Die einfachen Synthiesounds, der Drum-Computercharme und die banalen Atarimelodien erzählen auch (ähnlich wie die Songtexte) immer vom Unfertigen, vom Unentwickelten, von unerfüllten Sehnsüchten, von Phantasie und Einbildung. Dazu passt der Albumtitel „Bloom“ der Platz lässt, sich das Ende der Entwicklung selbst vorzustellen. Beach House füttern den ätherischen Wunsch, sich aus dem Hier und Jetzt für einen Moment wegzudenken und diesen Moment so lang wie möglich erscheinen zu lassen.

„With our name we wanted to entitle a place, where our music can exist“, sagt Victoria in einem Interview und benennt dieses Gefühl des Eskapismus. Ein Haus am Strand. Ein Sommertag am Meer. Der Körper liegt zwischen warmen Steinen, eingerahmt vom Hintergrundrauschen der Wellen. Die weichen Klänge von Beach House. Man starrt kurz in die Sonne, schließt die Augen aber sofort wieder, so dass ein blitzendes Feuerwerk aus Lichtadern vor geschlossenem Auge entsteht. Ein Stück Sonne, das nur einem selbst gehört. Man ist an einem Ort und doch ganz woanders. So fühlt sich Beach House wohl an. „Bloom is a journey. For me, it is about the irreplaceable power of imagination as it relates to the intense experience of living. A bloom is only temporary… a fleeting vision of life in all its intensity and color, beautiful even if only for a moment“, so beschreibt es die Sängerin in einem Interview.

Bei Beach House gleitet diese Reise an manchen Stellen in zu seichte Gewässer. Die ordentlich produzierten Soundmühlen laufen problemlos vor sich hin, schaufeln unkomplizierte und eingängige Sounds durch den Kopf, alles leicht verdaulich, fast idiotensicher. Das Ungreifbare und Verschwommene, das bei Beach House immer präsent war, geht durch dieses Explizite ein wenig verloren. Aber diesen Schritt in Richtung Geheimnislosigkeit sind Beach House sicher mit voller Absicht gegangen. Alles in allem ist „Bloom“ ein wunderbares Album und sollte für die nächste Tagträumerei unbedingt angeschafft werden.

Fotos: Beach House