Es macht schon Spaß, sich Bruce Willis als traurigen Polizeibeamten anzusehen, wie er da mit Uniform, Hornbrille, lichtem Haar und ernster Miene zwischen goldgetränkten Feldern steht, auf einer nahezu menschenleeren Insel vor der Küste Neuenglands, auf der Suche nach ein paar ausgebüchsten 12-Jährigen. Der besorgte Inselcop als perfekte Karikatur seines Images als Actionheld, der sonst sein Unterhemd nur in Weltuntergangsszenarien schmutzig macht. In Moonrise Kingdom, dem neuen Film von Wes Anderson, ist er auf der Suche nach dem Pfadfinder Sam und der gleichaltrigen Suzy, die auf der Suche nach dem ersten Erwachen der Liebe zusammen ausgebrochen sind. Sam aus einem Pfadfindercamp, Suzy aus dem Haus ihrer Eltern. Die hochkarätig besetzten Erwachsenen um sie herum sind nur Beiwerk für das in den 60er angesiedelte Drama, das sich um die beiden Jugendlichen abspielt.

Sam ist Waise. Seine dunklen Knopfaugen verstecken sich hinter einer dicken Brille, sein Kopf unter einer riesigen Waschbärfellmütze, sein ganzes Empfinden hinter der karten- und regelbesessenen Gewissenhaftigkeit eines Pfadfinders. Sam kann dem Leiter des Waisenhauses zufolge „nicht wieder aufgenommen werden“, und er ist „mit Abstand der unbeliebteste Junge in der Gruppe“, wie der Gruppenführer an einer Stelle nachdenklich auf sein Tonbandgerät diktiert. Suzy ist einen Kopf größer, liest gerne Abenteuerromane und hat ein Aggressionsproblem. Sie folgt Sam ohne mimische Begleitung durch die Wälder und Meeresbuchten der Insel. An einer Stelle, als der frische Liebhaber sie auslacht, weint sie, und selbst hier perlen die Tränen über das gleiche, kajalunterstrichene Gesicht, das zuvor Sam geküsst und mit ihm zu „Le temps de l’amour“ von Francoise Hardy an einem einsamen Strand getanzt hat. Suzy und Sam, zwei von der Sorte, die es im Leben schwer haben werden, gehen zusammen in die Wildnis. Weg vom Camp, von den Eltern, weg aus der langweiligen Welt der Erwachsenen. Dass diese allerdings etwas dagegen hat, gehört zu ihrer Natur. Was folgt ist ein kruder, in Sommerfarben getauchter Ausflug in die ungeheuer amerikanisch anmutende Welt aus Kanufahrten und Zeltlager.

Seltsam geschnitzte Figuren zwischen Profilneurosen, Losertum, Charisma und Liebenswürdigkeit, zwischen großen Gesten und kleinen Ticks, schräge Figuren, die immer so tun, so reden und so leben, als gehe es um nichts. Sie werden bei Wes Anderson auf eine imaginäre, artifizielle Bühne gestellt und dann aufeinander losgelassen. Die Bühne ist stets reich an Details, sorgfältig und liebevoll ausstaffiert und beleuchtet mit naivem Blick Absurditäten des Alltags. Dieses wohldurchdachte Zusammenspiel von besonderen Figuren und ausgefallenem Setting ist Bestandteil aller Wes Anderson Filme. Sei es die Ausnahmebootsbesatzung in „The Life Aquatic with Steve Zissou“, seien es die exzentrischen Familienmonaden in „The Royal Tenenbaums“ oder die ungleichen Brüder in „The Darjeeling Limited“ auf ihrer Reise nach Indien. Was den Strippenzieher Wes Anderson so stark und seine Filme zu seltenen Ereignissen macht, ist, dass neben diesen Abwegigkeiten, neben dem Witz und dem subtilen Klamauk auch immer wieder echte Personen mit echten Gefühlen auf der Bühne stehen. Es geht dann eben doch um alles: Freundschaft, Solidarität, Gemeinschaft, Liebe, Vertrauen.

Wes Andersons stilsicherer Hang zur Bastelarbeit wirkt inmitten effekthascherischer, geldvernichtender Kinoproduktionen so wunderbar einfach, so entrückt und nostalgisch, dabei nicht weniger perfektionistisch. Allein für die Bühnenbilder und die schöne Besetzung (u.a. Bill Murray, der wieder einmal die perfekte Symbiose seines lethargischen, schlechtgelaunten Auftretens mit dem Humorverständnis von Wes Anderson unter Beweis stellt), lohnt sich der Film.

Aber: Wenn ein Actionspektakel dafür abgestraft werden kann, sich auf bildgewaltige Special Effects zu beschränken, dann kann in diesem Fall ähnliches für die Bilderwelten von Moonrise Kingdom erfolgen: Sie ruhen sich ein wenig zu sehr auf dem effektvollen Stil des Selbstgemachten, des Ungelenken aus. Im Trailer sieht das noch alles wunderbar aus, doch er verdichtet alles, was den Film stark macht, auf eine Minute. Recht viel mehr kommt dann nicht. Wenn der Stil dann für platte Pointen, vorhersehbare Witze und billigem Ulk herhalten muss und nicht wie sonst das an sich witzige Geschehen umrahmt, wirkt das leider erzwungen. Das Liebevolle wird zur Berechnung.

Anderson hat allzulange an der publikumswirksamen Erscheinung des Films gefeilt, die Psychologien und Beziehungen der Figuren dabei vernachlässigt. Es scheint, als wäre viel Raum dem verspielten Stil geopfert worden. Man kann Moonrise Kingdom nur schwer folgen, nicht weil die Handlung absurd oder platt ist, sondern weil man diesmal eben nicht das Gefühl bekommt, dass es um etwas geht. Daran kann auch all der Donner, die Blitze und die hilflose Action am Ende nichts ändern.

Fotos: Tobis Film