Eine Ausstellung im alten Postfuhramt in Berlin zeigt derzeit Arbeiten von Larry Clark, dessen Fotografien von Jugendlichen immer noch verstörend wirken, wenn sie auch das Zeug zur Provokation verloren haben. In den kunstlichtgetränkten Räumen des Postamts sieht man Jugendliche, an denen der Wohlstand vorbei geht, weil sie lieber Drogen konsumieren, skaten und Sex haben. Man sieht nackte Körper, Milchgesichter mit Pistolen, Jugendliche mit Drogennadeln im Körper, Rauschzustände in heruntergekommenen Zimmern, geschundene Körper mit blauen Flecken. Eine schwangere Frau sitzt in einem lichtdurchfluteten, leeren Raum auf einem Stuhl und setzt sich gerade einen Schuss. Ein paar Meter weiter liegt ein Kleinkind im geschmückten Sarg. Dass es Larry Clark aber nie um Schockeffekte und Sprengstoffwirkung ging, macht die Retrospektive im C/O Berlin deutlich.

Der erste Teil der Ausstellung ist schwarz-weiß, stammt aus Larry Clarks früher Schaffenszeit (im Band „Tulsa“ vereinigt) und wirkt durch den dokumentarischen Stil so unheimlich authentisch und abwegig zugleich. Als wäre jemand in die Untiefen der Gesellschaft gestiegen und hätte darin bedauerliche, junge Exemplare der Spezies Mensch erblickt und diese Kreaturen abfotografiert, um das Böse, das stets unter der Schwelle zivilisatorischer und gesellschaftlicher Errungenschaften schwelt, sichtbar zu machen. Aus dieser Perspektive heraus ist verständlich, warum die Bilder als Provokation angesehen wurden und Proteststürme entfachten: Sie stimmten nicht mit dem Bild überein, das sich die amerikanische Gesellschaft von sich selbst und ihrer Jugend machte. Doch diese Perspektive würde Larry Clark missverstehen. Es ging nie um Aufdeckung.

Das charakteristische bei Larry Clark ist gerade, dass er selbst Teil der Jugendkultur war, die er dokumentierte, neben den Freunden, Skatern und Strichern selbst als Junkie aus der Welt flüchtete und durch die Kamera in seiner Hand selbst zum Motiv wurde. Ohne die Distanz des Künstlers, des Journalisten oder des Interviewers wird Clark damit zum beobachtenden Teilnehmer, was seiner Arbeit ein Höchstmaß an Authentizität verleiht. (Auch wenn diese mit Vorsicht zu genießen ist, denn man scheint diesen Menschen seltsamerweise ihre Posen nicht abzunehmen. Was aber wohl mehr über die mediale Besetzung dieser Posen aussagt als über die Menschen auf den Fotos).

Aber man fragt sich schon, was man da überhaupt sieht, auf Clarks Fotos, die amerikanische Jugend? Außenseiter? Vergangene Subkultur? Auf einem Selbstportrait sieht man Clark mit abgebundenem Arm, die Hände zur Unschuldsgeste erhoben. Als wollte er sagen: Ich bin hier nur dabei und halte die Kamera drauf, was ihr daraus macht, ist mir egal. Vielleicht ist es diese indifferente Haltung, die in seinen Bildern zum Tragen kommt, und die ihm bei seinem Film „Kids“ aus dem Jahr 1994 Debatten über seine moralische Zurechnungsfähigkeit eingehandelt hat. Doch wer bei Clark die Schuldfrage stellt, der will allzuschnelle Antworten für komplexe Sachverhalte. Larry Clark ist in diesem Punkt ehrlich: er hat keine Antworten. Was ihm mehr Sorge bereitet, ist der heuchlerische Umgang der Medien und Elternkulturen, der so tut, als könne alles jugendliche Unheil gesichtet und bewältigt werden.

Es geht Clark aber nicht um soziale Erklärungen, um Milieustudien, um der Suche nach dem Grund von Abschweifungen in der Jugend. Die frühen Arbeiten treffen sich alle in der Frage, was in Momenten passiert, in denen einem diese Welt nicht genug ist. Und dieser Punkt ergibt sich irgendwann in jedem Jugendleben. Auch diese Frage soll nicht psychologisch oder moralisch überstrapaziert werden, vielleicht greifen Menschen ohne triftigen Grund zu Drogen. „Skips first shot“ zeigt einen Jugendlichen, der zum ersten Mal einen Schuss gesetzt bekommt und damit eine Schwelle überschreitet, denn „wenn die Nadel einmal drinnen steckt, kommt sie nie wieder raus“ so Clark.

Das scheint ein Hauptmoment von Larry Clark zu sein. Der Punkt, an dem man eine Grenze unumkehrbar passiert. Aus welchem Grund auch immer. Dass damit kein Wunderland betreten wird ist auch klar. Clark wollte diese Momente, die wohl zu seiner Zeit von ganz anderen Impulsen begleitet wurden, und die ganz anderen Maßstäben unterliegen als heute, wo wir daran gewöhnt sind, dysfunktionale „tote Winkel“ der Gesellschaft erklärbar zu machen, diese Momente wollte er auf Fotos festhalten. Mehr nicht. Aber damit hat er einen Teil der Wahrheit dokumentiert.

Die Larry Clark-Ausstellung geht noch bis zum 12. August 2012
C/O Berlin, Postfuhramt, Oranienburger Str. 35/36, 10117 Berlin

Fotos: Larry Clark // Richard Blanshard