Verstörendes Griechenland: Der Regisseur Yorgos Lanthimos und sein neuer Film AlpenBeim Lesen von Filmkritiken und Festivalberichten taucht in letzter Zeit immer wieder die Rede vom „Neuen Griechischen Kino“ auf. Nachrichten aus Griechenland genießen momentan ja nicht gerade den Stellenwert, die Empfänger in helle Freude zu versetzen, deswegen tut es ganz gut, auf eine positive Entwicklungen aufmerksam zu machen. Derzeit läuft ein Vertreter, der Film Alpen des Regisseurs Yorgos Lanthimos, in ausgewählten Kinos (in Berlin etwa im fsk Kino). Ob wirklich von einer neuen Schule die Rede sein kann, wird wohl anderweitig entschieden,”Alpen” soll hier aber trotz seiner kalten, gewöhnungsbedürftigen Inszenierungen wärmstens empfohlen werden.

Sich in die unterkühlte Temperatur des Films hinein zu fühlen, ist jedoch zunächst nicht so leicht: In den ersten 30 Minuten des Films versucht man vergeblich herauszufinden, was da eigentlich passiert. So abwegig und kurios erscheint das zu groben Stücken geschnittene Geschehen auf der Leinwand, dass weder eine gängige Dramaturgie noch persönliche Empfindungen daran angeschlossen werden können. Dann setzen sich die hölzerne Sprache, die gedämpfte Stimmung und die emotionslosen Figuren plötzlich zu einer absonderlichen, faszinierenden Mechanik zusammen. Eine Gruppe wird vorgestellt, die sich ‚Alpen’ nennt und eine besondere Dienstleistung anbietet: Die Mitglieder schlüpfen in die Rolle Verstorbener – des Ehemannes, der Tochter – und bieten sich als Trauer-, Sehnsuchts- und Liebesobjekte an. Die Gruppe heißt so, weil die höchsten Gipfel dieser Gebirgskette nicht durch andere ersetzbar sind. Einem Anführer gemäß gibt sich der Gruppenchef selbst den Namen Mont Blanc. Bald geraten die Bedürfnisse der Mitgleider, echte und eingebildete Gefühle, subjektive Welt und sozialer Anspruch durcheinander. Alpen ist die nüchterne Suche nach den Koordinaten, die uns zu sozialen Individuen machen, und stellt die Frage, wie die Achsen zwischen dem “Ich” und den “Anderen” verlaufen. Oder: Verlaufen könnten. Lanthimos zeigt letztlich ein anders entwickeltes, fremdes Bild des uns bekannten Negativs von zwischenmenschlichen Beziehungen.

 Verstörendes Griechenland: Der Regisseur Yorgos Lanthimos und sein neuer Film Alpen Verstörendes Griechenland: Der Regisseur Yorgos Lanthimos und sein neuer Film Alpen Verstörendes Griechenland: Der Regisseur Yorgos Lanthimos und sein neuer Film Alpen Verstörendes Griechenland: Der Regisseur Yorgos Lanthimos und sein neuer Film AlpenDass die sozialen, politischen Verhältnisse in Griechenland diese Welle mit losgetreten haben, gesellschaftliche Aussichtslosigkeit und soziale Zerreibung derzeit künstlerisch aufgearbeitet werden, ist zwar spürbar. Diese Themen werden aber auf eine so kreative, eigenwillige Art verhandelt, dass Filme wie Attenberg (2012) , Dogtooth (2009) oder eben Alpen keinesfalls sozialpolitische Filme im üblichen Sinne sind. Letztlich geht es diesen Filmen um etwas anderes. Es geht nicht um die Verlängerung derzeitiger Entwicklungen oder um eine kritische Perspektive auf aktuelle Verhältnisse. Vielmehr spürt man ein dumpfes Unbehagen gegenüber der Gegenwart und ihren sozialen Verstrebungen, eine Art distopische Energie, die sich ihren Ausdruck über experimentelle, ausgefallene Bilder und Geschichten sucht.

Yorgos Lanthimos ist einer der Bildgeber dieser Stimmung und bringt einen sezierenden soziologischen Blick ins Kino. Dabei hat er keine realen Körper unter dem Skalpell, sondern entwirft bizarre Sozialkonstrukte, die gerade in ihrer Nähe zu tatsächlichen Möglichkeiten eine befremdliche Reibung entstehen lassen. In Dogtooth, mit dem Lanthimos in Cannes gewonnen hat, geht es um ein autoritäres Elternregime, in dessen mythologischer Logik drei Jugendliche bis zur letzten Konsequenz von den Gefahren der Außenwelt abgeschnitten werden: Die Existenz der Welt wird verleugnet und mit Lügengeschichten abgeschirmt. Auf der anderen Seite der weißen Grundstücksmauern lauert in diesem Fall dann nicht die Freiheit, sondern der Erstickungstod. Nur der Vater kann in der Kapsel seines Wagens den totalitären Versuchsaufbau verlassen, dessen Anlage so unheimlich idyllisch grün und weiß aussieht.

Auch in Alpen führt Lanthimos wieder ein krudes Experiment durch: Er umreißt ein Gesellschaftsbild, in dem Mitgefühl und Nähe kurzerhand zu Dienstleistungen geworden sind. Und das in einem radikalen Maße, dass eine Gruppe von Menschen Ersatzhandlungen für Beziehungen anbietet, für die es eigentlich keinen Ersatz gibt. Damit werden letztlich die eigenen Selbstverständlichkeiten im sozialen Gefüge in Frage gestellt. So absurd die Inszenierungen von Lanthimos auch erscheinen mögen, gerade die latente Möglichkeit, dass alles um uns herum auch ganz anders ablaufen könnte, macht seine Forschungsversuche so faszinierend. Beim Zuschauer zapft er damit ein Gefühl an, das sich nicht so leicht in Worte fassen lässt. Verstörung trifft es wohl ganz gut.

Fotos: Rapid Eye Movies