Die Augen gewöhnen sich allmählich an die Dunkelheit. Ein vertikaler Schriftzug taucht auf und berichtet in weißen Lettern über den Völkermord in Ruanda. Wort für Wort brennt sich der leuchtende Schlitz in das Bewusstsein. Kurz dahinter eine Sackgasse. Ein sonores, graues Rauschen liegt in dem fensterlosen, drückenden Raum. Mittig ruht ein massiver Leuchttisch, auf dem eine graue Hügellandschaft aus Dias wie aufgeschüttet liegt. Tausende Dias, vielleicht eine Million. Beim Näherkommen stellt sich heraus, dass das Motiv stets wiederholt wird: Alle Diapositive tragen das Augenpaar von Gutete Emerita, einer Frau, die die brutale Ermordung ihrer Familie in einer Kirche in Ruanda mitansehen musste. Tausende Augenpaare, die wie auf einem Aschehaufen liegen. Das Einzelschicksal der Frau wird mit der Masse an Opfern (geschätzt eine Million während des Genozids 1994 in Ruanda) verknüpft. Die Arbeit „The Eyes of Gutete Emerita“ steht beispielhaft für Alfredo Jaars Versuch, eine Möglichkeit der Darstellung für das unbegreifliche Ausmaß menschlicher Greueltaten zu finden. Eine Auswahl der Ergebnisse dieser Suche ist nun in einer monografischen Ausstellung versammelt, die zeitgleich in drei Berliner Institutionen stattfindet.

Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) zeigt das auf die chilenische Heimat bezogene Frühwerk. des Künstlers. Alfredo Jaar, Vater von Musiker Nicolas Jaar, wurde 1956 in Santiago de Chile geboren und sah sich als junger Erwachsener mit der politischen Realität der Pinochet-Diktatur konfrontiert und arbeitete früh daran, kulturelle Formen des Widerstandes auszuloten. Mit zwanzig verlässt er Chile, es folgen Aufenthalte in Berlin, wo er Teilnehmer des DAAD Programms war, und Ruanda. Die Berlinische Galerie gibt den raumfüllenden Installationen Platz, die sich weiter mit politischen, humanitären Themen auf internationaler Ebene beschäftigen. In der Alten Nationalgalerie sind abschließend zwei „Interventionen“ des Künstlers in die Sammlung eingearbeitet.

Alfredo Jaar sieht sich weniger als Künstler, eher als politischen Menschen, der künstlerisch auf Ereignisse reagiert und mit seiner Arbeit versucht, sich mit den Bedingungen ihrer medialen Verhandlung auseinander zu setzen. Dass er dabei den gängigen Informationskanälen misstraut, ist ein weiteres Moment der seiner Arbeit zugrunde liegenden Spannung zwischen Realität und Repräsentation, damit aber auch zwischen gesellschaftlichem und künstlerischem Anspruch. Jaar ist sich der Selbstreferenz von Kunst, die regelmäßig Mitgefühl provozieren kann aber in Ausstellungsräumen verhallen lässt bewusst und macht genau die Visualisierung von politischen und sozialen Ereignissen (auch im Kunstkontext) selbst zum Gegenstand. Seine Foto-, Text- und Lichtinstallationen bearbeiten immer den Umgang mit Bildern und sind ein analytisch kluges Plädoyer für die Infragestellung bildlicher Repräsentation, auch der eigenen.

Sein Misstrauen gegenüber den Bildern bringt er in letzter Konsequenz mit deren Verweigerung zum Ausdruck. In „Real Pictures“ (1995) fehlen jegliche Fotoaufnahmen, die Bilder werden beim Lesen der Bildunterschriften im Kopf des Betrachters erst erzeugt. In „Lament of the Images“ (2002) wird eine weiße, grelle Neonfläche zu einer Art negativen Fläche des Sehens, durch die schmerzhafte Helligkeit direkt im physischen Sinne: Sie blendet bis zur Sichtlosigkeit. Die vorsätzliche Blendung des Betrachters wird bei Jaar zur künstlerischen Strategie, die eine körperliche Reaktion, eine physische Raumerfahrung und damit das Gegenteil von Gleichgültigkeit provoziert. In der Installation „The Sound of Silence“ (2006), einem silbernen Würfel, der als „Theaterraum“ für eine 8-minütige, lautlose Projektion dient, wird der Zuschauer auf dem inszenatorischen Höhepunkt (einem Nachrichtenfoto) mit gleißendem Kunstlicht beschossen. Das Licht frisst sich im Moment stärkster Emotionalität durch den Körper, lässt die Synapsen kribbeln und knistern. Verstört verlässt man den Raum, während das kurz aufgeblitzte Foto wie ein Stein ins Gedächtnis fällt.

Dass politischer Gestaltungswille noch keine gute Kunst produziert ist in diesem Jahr vor allem bei der Berlin Biennale zu beobachten, selten wurden dabei Kunstinteressierte mehr wie Kinder behandelt, denen man über den ungewaschenen Mund fahren muss, als durch die dort agierenden Kuratoren. Was wichtige Kunst sei und zu was sie befähigen müsse, ließ sich vernehmen. Die gestalterische Essenz der Kunst wurde zur politischen, eine Kunst ohne politische Haltung für nichtig erklärt. Gerade jetzt tut die Ausstellung von Alfredo Jaar deswegen so gut. Sie will nicht erziehen, nicht bevormunden, sondern fordert vor allem zu einem auf: zum Nachdenken. Dies allerdings ohne Kompromisse.

Die Ausstellung „Alfredo Jaar: The way it is.“ findet noch bis zum 17. September 2012 statt.
Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Oranienstraße 25, 10999 Berlin
Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin
Alte Nationalgalerie, Bodestraße. 1-3, 10178 Berlin

Fotos: Courtesy of the artist // Nihad Nino Pusija