Das letzte Album „One Life Stand“ von Hot Chip hatte nicht nur ein malerisches Cover, sondern in vielerlei Hinsicht buntes zu bieten: Fantastisch produzierte Dancepaletten neben klassischer Instrumentierung, dazu ein paar nerdige Soundkleckse, und hindurch schimmerte die warme Stimme von Alexis Taylor. Aber die Platte hatte auch das: lediglich eine Handvoll guter Tracks und dazu dieser schwer zu ertragende Hang zum Kitsch. Es blieb die Vermutung, dass Hot Chip ihre besten Tage mit ihrem Debüt „The Warning“ aus dem Jahr 2004 schon früh hinter sich gelassen haben. Mit den weiteren Platten schien diese „Warnung“ der Band immer mehr zu verhallen. Die Kombination aus Dance und Indiepop durchexerziert, das Nerdhafte bis zu Massenkompatibilität ausgereizt, die Stil-Kombination Röhrenjeans/Gitarren/Synthesizer schließlich in TV-Spots angekommen. Die glühende Pop-Verheißung „Hot Chip“ von einst schien endgültig im Strom der Zeit ausgekühlt und erloschen.

Trotz dieser schwierigen Lage und trotz der zeitraubenden Nebenprojekte (u.a. New Build, The 2 Bears, About Group) ist es den Mitgliedern von Hot Chip gelungen, ein großartiges, unverkrampftes und euphorisches Album aufzunehmen, das dieser Tage bei Domino Records erschienen ist. Die Formen von Hot Chip kommen in diesen Zeiten vielleicht weniger cool daher, in einer zurückhaltenden Souveränität, die sich nicht mehr an den Blicken des Trendgeschäfts orientiert, dabei aber umso mehr Spaß machen. Technisch war und ist dies bei Hot Chip ohnehin auf höchstem Niveau. Unverkennbar mischen sich House, Dance, R’n'B-Gesang und Pop zu einer analog-digitalen Musik, die nicht nur wegen des Art Works an die besten „The Warning“-Zeiten der Band erinnert. Auch das vor Ideen nur so sprühende Songwriting knüpft an die großen Momente von damals an. Nur dass jetzt ein Tick mehr Erfahrung und Stilsicherheit hinzugekommen sind. Hot Chip hören sich nach wie vor wie glasklare, geometrische Figuren an, die in einem weißen Kubus herumwirbeln, pulsieren und dabei immer wieder neue, eindrucksvolle Farbreflektionen an den Dancefloor abgeben. Der Kubus ist aber mittlerweile ein Hochhaus, durch deren Genre- und Stilzimmer die abstrakten Formen der Musik mit unglaublichem Gespür für die richtige Etage die Treppen rauf und runter tanzen. Hot Chip sind gewachsen, und das irgendwie in der Zeit zurück.

Die Band Hot Chip überdauert die Schnelllebigkeit der Musikwelt aber auch durch das ehrliche Bekenntnis, an die heilende Wirkung von Musik zu glauben und dabei möglichst viele mitzunehmen. Dass diesem Auftrag nach ein paar Alben zunächst die Puste ausging, lag genau genommen nicht an der fehlenden musikalischen Innovativität, sondern z.T. an den Bedingungen des modernen Musikkonsums, der immer nach dem Unverbrauchten verlangt. Der Hörer wird stets angeleitet, dem Neuen hinterherzuhecheln. Wer da einen Sound zweimal auf Platte presst, wird bestraft. Noch schlimmer wird es, wenn eine Band versucht, den eigenen Sound zu wiederholen und selbst daran scheitert. Folgerichtig werden andere Bands dann wiederum für Projekt Wiedererkennung und Geborgenheit eingespannt, serviert von den guten alten Popgrößen, deren Visionen außerhalb von Trends funktionieren und deren verlebte Gesichter zum x-ten Mal auf den Covern der Musikzeitschriften gegen die Hastigkeit des Musikgeschäfts ankämpfen. Und nun stellt sich die Frage, wo Hot Chip in diesem Gefüge Platz finden? Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass ihre Musik momentan beides bedient: Innovation und Zeitlosigkeit.

Neue Sounds treffen auf das altbewährte Konzept, Teil einer alles umspannenden Pop-Verschwörung zu sein. Es funktioniert. So leicht kann und will man die Band dann eben doch nicht vergessen. Weil sie so klingen wie eh und je, und eben doch anders. „In Our Heads“ ist weder eine musikalische Neufindung, noch das Scheitern ihres Versuches, die Massen für Elektro-Pop zu begeistern. Es ist ein wunderbar einfallsreiches Album, mit verspielten, innovativen Designs, deren Popmelodien sich bis in die letzte Gehirnwindung hineinschrauben und deren Uptempo-Beats ohne Frage auf der Tanzfläche funktionieren. Diese perfekte Balance aus Mode und Zeitlosigkeit ist wohl der bisher beste Versuch der Band, gegen den Fluch der Zeit anzukämpfen.

Fotos: Hot Chip