In seinem neuen Roman „Sunset Park“ entwirft Paul Auster ein Gesellschaftsbild, in dem Hoffnungslosigkeit und Desillusionierung die Oberhand in der amerikanischen Seele der Jugend gewonnen haben. Eine düstere und realistische Zeitdiagnose des mittlerweile 60-jährigen Autors.

Paul Auster wurde 1947 in Newark, New Jersey geboren und wuchs als Kind jüdischer Eltern auf. An der Columbia University studierte er Literatur und ging nach den prägenden Jahren in New York nach Paris, der Stadt, die für so viele amerikanische Autoren im Laufe der Geschichte einen Sehnsuchtsort literarischer Erfüllung abgeben konnte (Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald).

Der Einfluss französischer Literatur und Philosophie verband sich dort wohl mit seiner amerikanischen Herkunft zu einer Schreibe, die ihn und seine „New York-Trilogie“ im Jahr 1985 weltberühmt machen sollte: Metropolen, das Gewimmel, das Labyrinth an Perspektiven werden in Austers Büchern mit einer alten europäischen Idee verbunden: der vom willkürlich zupackenden Schicksal, bei deren Zuschlagen die Figur um nichts weniger als ihr Seele kämpft. Das Scheitern bedroht dann aber weder den american dream noch amerikanischer Ideale von Freiheit oder Familie, sondern die moralische Integrität.

Auch in seinem neuen Roman „Sunset Park“ geht es um Menschen, die am Rande des Abgrunds entlangtorkeln, ohne es selbst so recht zu merken. Die Protagonisten wohnen in einem Haus am Sunset Park, um welches der Roman in einer Idee von Gemeinschaft kreist. In dem Haus tummeln sich junge Gestalten in ihren Existenznöten, Nebenjobs, Familienbrüchen, sexuellen Neigungen, in ihrer Paranoia und Vereinsamung, und sie geben diesen typisch-bunten Austerplot ab. Miles Heller, der einen Job als Entrümpeler angenommen hat und seinem schlechten Gewissen über den Tod seines Stiefbruders mit einer kubanischen Minderjährigen hinweghilft. Bing Nathan, der eine „Klinik für kaputte Dinge“ betreibt, Telefone mit Wählscheiben repariert und seine Technologiefeindlichkeit mit philosophischen Ideen wegretuschiert. Oder Ellen, eine depressive Immobilienmaklerin, die ihren Hang zur Pornografie entdeckt.

In jedem Kapitel wechselt Auster dabei die Perspektive und schlüpft in einen anderen Kopf. So meint der Leser immer mehr zu wissen als die einzelne Figur. Er kann die unterschiedlichen Gefühle und Haltungen zu einem Stimmungsbild zusammenzufügen, ohne dass die Verwundeten in der Erzählung selbst spüren, woran sie eigentlich leiden: an der gesellschaftlichen Situation. Sie spüren das nicht, weil sie die Idee von Gesellschaft längst aufgegeben haben. Und auch die hat ihre Kinder um den letzten Wert betrogen: den Glauben an die Machbarkeit der Zukunft. Die temporäre Hoffnung, die Gemeinschaft am Sunset Park, ist unter solchen Bedingungen nicht lange lebensfähig.

Junge Menschen, die sich an die vorherrschende Desillusionierung gewöhnt haben, sich von einem schlecht bezahlten Job zum nächsten rempeln, ohne dabei auch nur einen echten Funken Hoffnung zu spüren. Um sie geht es. Sie leben im Zustand ständiger Vorläufigkeit, Befristung und politischer Indifferenz. Bei dem täglichen Kampf um Geld, Jobs und Sicherheit bleibt für politische Fragen auch nicht viel Zeit. Der Abgrund ist in Sunset Park nicht fiktiv, nicht psychologisch, sondern gesellschaftliche Realität. Auster umreißt ein Land in der Transformation. Die Mittelklasse in den USA schwindet, die Arbeitslosigkeit wächst, Bildung wird zum Exklusivrecht für Reiche. Der Glaube, dass Kinder es besser haben würden als ihre Eltern, hat sich erledigt. Dagegen schreibt Auster an. In Sunset Park geht es Paul Auster nicht mehr um die moralische Integrität des Einzelnen, sondern um eine Gesellschaft, die sich zu wenig Sorgen um sich selbst macht.

Sunset Park von Paul Auster, Rowohlt Verlag, 320 Seiten, Deutsch, Juli 2012, für 19,95 Euro

Fotos: Lotte Hansen // Beowulf Sheehan // Rowohlt