Dieser Mann hat es tatsächlich geschafft, seit etwa 50 Jahren beständig einen Film pro Jahr zu machen. To Rome with Love heißt der diesjährige Output von Regisseur Woody Allen, dessen Filme sich neben Weihnachten und Silvester zu einer festen Größe im Jahreskalender entwickelt haben. Dabei ist „der neue Woody Allen“ – wie es dann immer so schön heißt – wie ein alter Bekannter, der vorbeikommt, um eine Geschichte zu erzählen. Dabei geht es nicht darum, etwas Neues oder Aufregendes zu erleben, sondern nur darum, ob man diesen alten Bekannten und seine Art, Geschichten zu erzählen, mag oder nicht. Mag man ihn, verzeiht man ihm dann auch misslungene Pointen, den zerknitterten Anzug und den Geruch nach Salbeipastillen, den der in die Jahre gekommene Herr im Raum verbreitet. Man hat schon zu oft über seine scharfsinnigen Witze und Szenen gelacht, als ihm jetzt die eine oder andere Flachheit übel zu nehmen.

Woody Allens Geschichten sind in der Regel im bürgerlich, wohlsituierten Milieu angesiedelt, bis vor kurzem noch des wohlständigen Intellektualismus New Yorks, seit einigen Jahren haben die Figuren ihre Konflikte und Probleme auch in anderen Städten. Damit drückt Woody Allen seine Leidenschaft und Begeisterung für die Kulturstädte Europas aus. Nach Paris, London oder Barcelona geht Woody Allens Liebeserklärung dieses Jahr nun also an Rom. Die Probleme in dieser Stadtkulisse sind dabei nicht anders als zuvor: es sind altbewährte Beziehungs- und Erwartungsfallstricke, mit denen Allen die Psychen seiner Figuren restlos umnebelt, bis noch der letzten Impuls für nüchterne, klare Schnitte, die das Ganze beenden könnten, im Netz des Zweifels und des Missverständnisses hängt. Die Erwartungen in Beziehungen und ihre kommunikative Verflüssigungen sind nach wie vor das Herz und die Seele seiner Filme. Woody Allen dabei Altbackenheit, Biederkeit oder den Zwang zur Wiederholung vorzuwerfen, wäre ungefähr so, als würde man den alten Bekannten für seine Nase, seine Brille oder seine faltigen Hände kritisieren. Woody Allen kann nicht anders – und das ist auch gut so.

Bei To Rome with Love ist es nicht einfach, die Handlung wiederzugeben, sie spannt sich über viele Handlungsstränge und Figurenkonstellationen auf. Zentral ist folgendes: Ein amerikanisches Paar kommt nach Rom, um dort die Tochter Hayley (Alison Pill) zu besuchen, die mit einem Italiener liiert ist. Dessen Vater  ist Bestattungsunternehmer und begnadeter Hobby-Sänger unter der Dusche. Opernregisseur (Woody Allen) erkennt das brodelnde Talent im Vater der Schwiegertochter und will ihn berühmt machen, hauptsächlich um das eigene Kunstverständnis mit Erfolg zu verwöhnen. Es gibt nur ein Problem: der italienische Tenor singt zwar wunderschön, aber eben nur unter der Dusche, im Konzertsaal versagt er. Das führt dazu, dass Jerry Duschszenen auf die Bühne bringt, um das Talent im Handtuch zur Entfaltung zu bringen. Daneben gibt es zahlreiche Nebenfiguren und Handlungen, besetzt mit allerlei Schauspielprominenz (Alec Baldwin, Penépole Cruz, Roberto Benigni, Ornella Muti), die für nie nötigen Verwirrungen und gesprächigen Dinner-Situationen sorgen, die man von Woody Allen kennt. Dass der Ensemblefilm dabei unter seiner größten Herausforderung leidet, nämlich jeder einzelnen Figuren einigermaßen gerecht zu werden, ist eine Schwäche, die man in den Glanzmomenten von Roberto Benigni und Woody Allen gerne verzeiht. Die Handlung wirkt allerdings ein wenig wie ein planloses Gerüst, an dem sich die Schauspieler entlanghangeln.

Kontur- und Ziellosigkeit der Handlung hin oder her: To Rome with Love macht trotzdem Spaß. Was Woody Allen verinnerlicht hat und so briliant wie kein anderer vorführt, ist eine Weltsicht, in der durch Reden, durch das Gespräch, durch das gut vorgetragene Argument oder das ehrlich gezeigte Gefühl Probleme zwischen Menschen nicht unbedingt gelöst werden. Im Gegenteil: Dinge bekommen erst durch das Wortverpackte, durch das Ausprechen das Gewicht in den Köpfen, das den Figuren dann zum Verhängnis wird. Kommunikation löst keine Probleme, sie erzeugt ständig und stabil Missverständnisse und enttäuschte Erwartungen. Und diese labyrinthische Weltsicht mit einem lächelnden Blick zu inszenieren ist Woody Allens ureigene Stärke. Bei To Rome with Love kommt noch eine gelungene Prise Mediensatire dazu, die auch andere Kanäle der Kommunikation in ihrer bisweilen lächerlichen Eigendynamik und Verfangenheit zeigt.

Fotos: Tobis Film