„Total Loss“ heißt das neue Album des aus Brooklyn stammenden Musikers und Produzenten Tom Krell, der sich unter dem Pseudonym „How To Dress Well“ unter die vielversprechendsten Acts dieser Tage einreiht. Dabei bestaunen doch alle sehnsüchtig das zweite Album von The XX, dessen Cover schon ankündigt, welche Richtung eingeschlagen wird: die gleiche. An einer Enttäuschung der Massen würden The XX im augenblicklichen Stadium ihrer Reife wahrscheinlich zu Grunde gehen. An der diagnostizierten Langeweile einer reinen Fortsetzung vielleicht auch. Beide Urteile sind nicht fair, lassen sich aber nach einem so überwältigenden kommerziellen Erfolg aus dem Stand nicht verhindern. Proportional zur Aufmerksamkeit, zu Lichteeffekten und Bühnengröße steigen eben auch die Erwartungen, die ein musikalisches Talent schnell versteinern können.

Bei How To Dress Well liegt die Sache anders: Ein brilliantes erstes Album bescherte dem Mann aus New York viel Lob, treue Fans und die Gunst der Musikkritik – ohne dass How To Dress Well in die erste Liga aufgestiegen wäre. Dabei hätte die Musik dafür alles zu bieten: Kreativität, übersprudelnde Soundideen, eingängige aber unverbrauchte Melodien, etwas R’n'B, etwas Pop. Und nicht zuletzt eine Produktion, die den Hörer mit offenem Mund vor der Musikanlage sitzen lässt. Nicht weil sie professionell klingt, sondern weil sie so unverbraucht neue Wege geht. Subtile Wege. Trotz der Weichzeichnung, Unschärfe und Diffusion in der Musik besitzt sie immer auch einen harmonischen, zarten Kern, der berührt. Das Label „Pop“ könnte dann am Ende auf der Musik stehen, ohne dabei in „populär“ überzugehen. Was dem Philosophie-Studenten Tom Krell, der derzeit in Berlin wohnt und dort am 29. Oktober 2012 live im Bi Nuu zu sehen sein wird, nach seinem Debüt „Love Remains“ alles gelingt, ist deshalb so spannend zu beobachten. Auch, welche Freiräume diesem Herrn, seinen Stimmbändern und seinen Reglern zur Verfügung stehen.

„Total Loss“ kündigt einen emotionalen Rundumschlag an: Über mehrere Stationen, durch mehrere Lebensbereiche. Ein kompletter, ausschöpfender Verlust, der sich nicht mit einzelnen Einbußen und Ausfällen im Leben aufhält. Und das Cover zeigt bereits an, wie diese Reise aussehen wird: nicht düster, abgründig oder schmerzerfüllt – sondern sie gestaltet sich als Ausgleich, als Dämpfung, als wohltuender Kursverlust. Krell thematisiert in seinen Texten seine persönlichen Beziehungen, zur Mutter, zu Freunden. Das klingt dann auch musikalisch viel weniger weit weg, entrückt und verzerrt als noch beim Vorgänger. „Total Loss“ ist intimer, zarter, ja introspektiv, was die Klangräume konsequenterweise dichter und kleinteiliger werden lässt. Dass in diesen Innenräumen trotzdem ein Rauschen, Hall und schwere Teppiche hängen, bleibt Bestandteil des Soundkonzepts von How To Dress Well. Eine angenehme Pop-Reise hört sich anders an.

Die Musik von How To Dress Well ist ja genau das: Eine Umnebelung der Sinne, ein schleichender Verlust von Halt und Orientierung. Wäre da nicht der Leuchtturm des Falsett-Gesangs von Tom Krell, der schwach aber dafür umso hoffnungsvoller im grauen Dunst aufleuchtet, man würde vermutlich schnell verloren gehen. So wenig sich die schleppenden Sounds einem analogen Ursprung zuordnen lassen, so wenig lassen sich die Wellen und Schwingungen von How To Dress Well in Worte fassen. Pop, R’n’B, Noise – Hilfswörter. Um das zu erfahren, muss man selbst in dieses Boot namens „Total Loss“ steigen und sich auf das Meer von How To Dress Well begeben.

Fotos: How To Dress Well