Mit „Shields“ veröffentlicht die in Brooklyn – New York beiheimatete vierköpfige Band Grizzly Bear ihr viertes Album. Erschienen bei Warp Records. Und beim ersten Hören werden zwei Dinge klar. Erstens hört sich „Shields“ ganz anders an als der Vorgänger „Veckatimest“, zweitens lässt sich erahnen, dass sich dieses Hören nicht so leicht einschätzen lässt, weil sich das Album bei jedem weiteren Hören verändert, Tiefe und Konturen gewinnt. Ein sogenannter „Grower“ also, was in den meisten Fällen bedeutet, dass sich die Musik um etwas kompliziertere und ausgetrickstere Arrangements herum entwickelt, ohne dabei zu verkopft und unzugänglich zu wirken. Irgendwann zieht sich die Flut an sperrig wirkenden Designs und ungriffigen Soundwellen zurück und legt einen Boden an tieferliegenden Mustern und Melodien frei. Aber das braucht Zeit.

Auch wird erst mit einigem Abstand klar, ob eine Platte nur ein krampfhafter Versuch dessen ist und sich mit artifiziellen Zaubertricks über Wasser hält. Und dieser zeitbedingte, blinde Fleck gegenüber Reichweite und Bedeutung führt manchmal zu Fehleinschätzungen, zumindest aber zu sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen. So lässt sich auch erklären, warum das neue Grizzly Bear Album in manchen Formaten als Höhepunkt und Platte des Monats/Jahres etc. gefeiert wird, in anderen als Abkehr von bisher eingeschlagenen Popwegen geächtet wird. Nur so viel: „Shields“ hört sich anders an, und ist auf gutem Wege, einen Meileinstein im Bereich des neopsychedelischen Indies zu werden.

Wem das jetzt danach klingt, als wäre das zu experimentell und speziell, der sei daran erinnert, dass experimentelle Musik, sei es unter den bizarren Begriffen „Weird-Pop“ oder als „Freak-Folk“, seit längerer Zeit in der Mitte angekommen ist und unter dem großen Indie-Markenzeichen „New Weird America“ geführt wird. Und das seit fast zehn Jahren. Die Erfolge dieser Richtung sind nicht nur künstlerisch beachtlich, „Indie“ meint lange keine unabhängigen Produktions- und Vertriebswege mehr, sondern ist Stilbegriff. Zudem ein weiter Begriff. Er kann alles umfassen, was nicht im Stadion auftritt, auch im Bereich „New Weird America“: CocoRosie, die immer noch größte Konzerthallen füllen, Animal Collective, die als amerikanische Superstars bei David Lettermann auftreten oder eben Grizzly Bear, deren Album „Veckatimest“ in den Top Ten der amerikanischen Billboardcharts landete.

Vielleicht war der überragende, kommerzielle Erfolg von Veckatimest ein Grund für Grizzly Bear, über den eigenen musikalischen Ansatz nachzudenken und neue Wege zu gehen. Mit „Shields“ wird die Schraube im Bereich des New-Folk jedenfalls um ein gutes Stück weitergedreht. Die Platte wimmelt von unterschiedlichen Einflüssen (Post-rock, Jazz, Avantgarde, Art Rock) und wird dadurch zusammengehalten, dass jedes Stück ein wenig anders klingt. Und gleichzeitig keimt schon jetzt bei Stücken wie „Yet Again“ oder „A Simple Answer“ die ganze Feuerkraft von Grizzly Bear auf, die sie mit ihrer Musik über die nächsten Jahre versprühen werden.

Daniel Rossen, Ed Droste, Chris Bear und Chris Taylor spielen so unverfangen auf ihre eigenen Höhepunkt hin, als ob sie wüßten, dass damit der Vorgänger Veckatimest links liegen gelassen wird. Ein solches Gespür für die eigene Wirkungskraft und Breite der Ideen, die von Sekunde zu Sekunde mit der nötigen Harmonie von Schub, Kraft und Pause durch den Raum jongliert werden, ist so selten wie beeindruckend. Erst nach einigen Jahren wird sich zeigen, ob die Musik von Grizzly Bear Bestand hat, ob sie versucht hat, durch den gewohnten Wolkendeckel an Musik hindurchzustoßen und eine andere Ebene zu berühren. Aber das spielt momentan keine Rolle, den auch die Vorahnung kann Ergriffenheit auslösen.

Bei jedem weiteren Hören von „Shields“ ahnt man: Man hört einer der wichtigsten Band dieser Tage zu. Wie sie Ton für Ton tiefer vordringt, wie sie Schicht um Schicht an Distanz abzieht und wie schon jetzt Edelsteine am Boden des Ozeans glänzen, die eine Platte unsterblich machen können. Grizzly Bear spielen übrigens am 30. Oktober 2012 im Uebel & Gefährlich in Hamburg, am 31. Oktober 2012 im Astra Kulturhaus in Berlin und am 2. November 2012 in der Essigfabrik in Köln.

Fotos: Grizzly Bear // Lane Coder // Patryce Bak