Der Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor Jan Ole Gerster hat mit seinem Filmdebüt „Oh Boy“ ein Portrait in zweifacher Hinsicht geschaffen: Zum einen über den Gattungsytyp „Verlierer in der Großstadt“, der mehr vom Leben will, aber nicht weiß, wie er es bekommen soll. Zum anderen über die Stadt Berlin, die so viele verschiedene Episoden anbietet, wie man selbst bereit ist mitzugehen. Benutzeroberflächen gibt es viele, ihre gegenseitige Abstoßung inbegriffen. Zwischen Straßenbahn, Fernsehturm und Altbau-Wohnung tummeln sich schließlich nicht nur städtebauliche Leerstellen. Auch Lebensentwürfe stehen nach dem “Ende der großen Erzählungen” immer mit einem Bein im Abgrund.

Das Gelingen, die Machbarkeit und der Erfolg werden ja zunehmend zur Zumutung. Figuren, die sich den Imperativen des erfolgreichen, guten Lebens widersetzen und eine Protesthaltung profilieren sind daher als Projektionsflächen im Kino besonders beliebt. Menschen, die alles sind, nur nicht mittelmäßig, artikulieren ein Verlangen, das in jedem von uns mal mehr mal weniger schlummert und vorzugsweise beim Konsum von Kultur aufbricht: Anders zu sein als alle anderen. Und so gern wir uns kollektiv selbst überschätzen in unserer Einzigartigkeit so gern sehen wir Menschen auf der Leinwand zu, die mit einer Zigarette im Mund am Rand des Abgrunds stehen und für uns ganz tief hineingucken in das Elend der Arbeits- und Konsumwelt.

Auch Niko (Tom Schilling) ist voller Abscheu, Pessimismus und Kulturkritik, auch wenn man sie sich manchmal nur in einem einzigen reflektierten Lächeln äußert. Ein Biografieverweigerer, der von seiner inneren Haltung lebt, die alle Farben der Welt durch das Prisma des Zynismus bricht. Er lässt sich in dieser satirischen Geschichte ohne Ziel durch die Großstadt treiben. Er hat keinen Job, sein Jura-Studium liegt auf geschmolzenem Eis, den Lebensunterhalt ermöglicht das Konto seines Vaters (Ulrich Noethen), der seine Hilfsbereitschaft nur in Kombination mit strengen Ratschlägen austeilt. Man kann nicht sagen, dass Niko diese Orientierungslosigkeit sonderlich Spaß macht, es scheint aber der einzig mögliche Weg für jemanden zu sein, der auf die Frage: Was willst Du eigentlich? genau nur das benennen kann, was er nicht will.

Als seine Freundin (Katharina Schüttler) ihn überraschend verlässt, der Vater die monatlichen Überweisungen einstellt und ein Psychologe ihm „emotionale Unausgeglichenheit“ bescheinigt, übernimmt das Umfeld die nötigen Antworten auf seine Unentschiedenheit. Wer sich als Spielball fühlt, wird zum Spielball werden! Daher ist es nur konsequent, dass er den Geschichten seines aufdringlichen Nachbarn (Justus von Dohnányi) ) nicht entkommen kann, zufällig den obskursten Figuren begegnet und unfreiwillig in anderer Leben hineinstolpert. Geplant ist an dieser Suche nichts, am wenigsten das Ziel. Und die Begegnung mit seiner ehemaligen Mitschülerin Julika (Friederike Kempter) offenbart, welche schönen Überraschungen in einer solchen Ausgeliefertheit warten können. Daher gehen die Absurditäten des Berliner Alltags in „Oh Boy“ eine wunderbare Symbiose mit derjenigen Seele ein, die den bizarren Erscheinungsformen mit offenen Armen entgegentrudelt.

Bei dem Film „Oh Boy“, der seit 1. November 2012 in den Kinos läuft, wird die Verwunderung darüber, dass gleichzeitig so viel und so wenig passieren kann in einer einzigen Einstellung geliefert: Wenn die Hauptfigur, die sich im Leben immer so fühlt wie im falschen Film, durch das Fenster auf die vorbeiziehende Stadt blickt und in seinen Augen das Unverständnis darüber aufleuchtet, wie alles da draußen zusammengehalten wird. Eben gar nicht, deswegen kann man in dieser Stadt alles sehen, was man möchte. Daher ist der Film auch eine stille Kritik an der seltsamen Angewohnheit dieser Stadt, relativ stabile Bilder (über Clubs, Bars, Viertel, Theater etc.) zu produzieren, die dann laufend von Kopf zu Kopf weitergereicht werden. Dass der Sojamilchkaffe im Film zum Lacher wird, na gut. Auch eine Großstadt ohne geographisches Zentrum braucht seine Allgemeinplätze.

Fotos: X Verleih