Thomas von Steinaecker erzählt mit seinem vierten Roman „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ die Geschichte der Angestellten Renate Meißner, die im Jahr 2008 unfreiwillig eine neue Stelle bei der „Cavere-Versicherunggesellschaft“ in München antritt. Eine Affäre mit ihrem Ex-Chef in Frankfurt hat die Versetzung ausgelöst, ihren täglichen Gang in den Glasmonolith am Rande einer fremden Stadt besiegelt und dabei auch noch emotionale Spuren hinterlassen. Wir erfahren nicht genau welche, denn die Ich-Erzählerin blockt jedes Gefühl ab, analysiert es nüchtern und holt es als bloße Information in ihr funktionales Weltbild. Zwar tauchen immer wieder Gefühlsfetzen auf, die Trauer oder Sehnsucht erahnen lassen, doch werden diese umgehend rational eingeholt und eher als Störung eines geschäftigen Apparates behandelt, bringen sie doch das Gleichgewicht und damit den Weg nach oben in Gefahr. Wir erhalten Einblick in eine Gedankenwelt, die am Ausmaß an Rationalität und Gefühlskontrolle kaum zu überbieten ist, die jedes Wort und jede Handlung kalkuliert, evaluiert und nach Kosten-Nutzen-Kriterien auffächert. Um dann Ursachen-Schaubilder und To-Do-Lists anzufertigen.

Das faszinierende an Thomas von Steinaeckers Roman ist, dass die Gegenwart dieser Figur, ihr Kontrollzwang und ihre Gefühlskälte inmitten der Glasbüros des modernen Arbeitslebens immer als Kristallisationspunkt vergangener Erlebnisse und Anpassungen erscheinen, ohne dass diese genauer erzählt würden. Als Deformation eines Normalzustandes, der sich selbst nicht mehr benennen lässt. Renate Meißner ist eine Unterdrückerin. In jedem Gespräch, in jedem Geschäftstermin. Und gerade dieses rastlose Unterwasserhalten macht ihre Figur so intransparent, so neurotisch und damit für den Leser so spannend. Der Tod von Renates Mutter flackert dann nur hin und wieder als Störung auf, die es so schnell wie möglich wieder zu beseitigen gilt, um dem Controlling der Firma nicht zum Opfer zu fallen.

Der Büroturm als ein geschlossenes System, in dem die Gesetze der Selbstoptimierung gelten und in dessen Sprache und Logik die Angestellten aufgegangen sind. Die Versicherung als zentraler Bezugsort des Romans wird nicht nur zu einer gesellschaftlichen Metapher, die angesichts der kollabierenden Finanzwirtschaft und der Klimakatastrophe von unversicherbaren Versicherungsfällen erzählt. Steinaecker erwähnt nichts von dieser Krise und doch wird ein soziales Panorama gezeichnet, in dem Angestellte wie Trauernde zur Arbeit maschieren, in dem Auf- und Abstieg willkürlichen Gesetzen folgen und in dem die Dinge hinter den Funktionszusammenhängen nicht mehr zu Bewusstsein kommen. Auch Renate kämpft mit „Ausfällen“ ihres Körpers und versucht alles, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Schleichend kommen ihr die Sicherheiten abhanden, je mehr sie sich ihrer zu vergewissern sucht.

Die Akquise eines russischen Vergnügungspark-Betreibers verspricht der Auftrag zu sein, der Renates Sicherheit und ihren Job retten kann. Ohne zu wissen, dass sie schon auf der Abschussliste steht. Durch eine fixe Idee glaubt sie zudem, in der uralten Chefin des Unternehmens ihre totgeglaubte Großmutter zu finden. Tatsächlich wird Renate auf der Reise nach Russland nach ihrem Job auch noch das Letzte verlieren: ihren Glauben, irgendetwas im Griff zu haben.

Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen von Thomas von Steinaecker, S. Fischer Verlag, März 2012, Deutsch, 400 Seiten, für 19,99 Euro

Fotos: S. Fischer Verlag // Jürgen Bauer